Rasse

Laut Wikipedia gehört die Sibirische Katze zu den Halblanghaarkatzen, ist ohne menschliche Einflussnahme entstanden und wird daher zu den "natürlichen Rassen" gezählt. Vielleicht erklärt sich daraus die Unkompliziertheit und Robustheit dieser kleinsten der drei Waldkatzenrassen, die sich urkundlich erwähnt zwar bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, aber selbst in ihrer Heimat Russland erst seit wenigen Jahrzehnten selektiert und in ihrem ursprünglichen Charakter bewahrt wird. Mit ihrer Entdeckung durch zwei deutsche Katzenliebhaber und der Mitnahme einiger Tiere aus St. Petersburg begann Ender achtziger Jahre der Siegeszug der Sibis in den Westen Europas...

Herkunft und Entwicklung der Sibirer

„Sibirische Katze“... da weht allein schon vom Namen her ein Hauch von Dostojewski, Peter dem Großen und Dr. Schiwago durch die Gänge.
Und in der Tat begleiten Mythen und Anekdoten die Sibirer. Wie so viele Katzenrassen liegt ihr Ursprung im Dunkel der Geschichte. Dr. Alex Kolesnikov, ein bekannter russischer Molekulargenetiker, vertritt die Meinung, dass die Sibirer eng verwandt seien mit der vom Aussterben bedrohten Kaukasischen Wildkatze Felis silvestris caucasica, einer Subspezies der Europäischen Wildkatze, deren Lebensraum im Mittleren Osten, in den Bergen des Kaukasus, der Türkei und des Iran liegt. Oft oberhalb von 1500 Metern, wo die Wintertemperaturen regelmäßig Minus 30 Grad Celsius erreichen. Wie die heute als „Sibirische Katze“ gezüchtete russische Halblanghaarkatze trägt sie ein halblanges Fellkleid mit einem dichten, wasserabstoßenden Ober- und einem gut entwickelten, wärmenden Unterfell. Und wie die Sibrirer hat sie einen kräftigen, kompakten Körperbau und steht auf stämmigen Beinen. Sie unterscheidet sich damit deutlich von der Afrikanischen Wildkatze oder Falbkatze, der Stammmutter unserer Europäischen Kurzhaar-Hauskatzen.
Ganz genau werden wir es wohl nie wissen, ob nun tatsächlich Gene und damit der Phaenotyp der Felis silvestris caucasica in die heutige Sibirische Katze einflossen. Was wir wissen ist, dass Katzen mit dem Aussehen der heutigen Sibirer bereits vor rund 1000 Jahren auf dem Gebiet Russlands dokumentiert sind. Was wir auch wissen, ist, dass zwischen dem 7. und 14. Jahrhundert zahlreiche Händler aus den islamischen Reichen der persischen und arabischen Welt entlang der Seidenstraße und anderer Handelswege Russland bereisten und dabei ihre eigenen Katzen mit sich führten. Die eine oder andere dieser Katzen wird sicher die Gelegenheit genutzt haben, nuaheren kontakt mit den einheimischen Tieren aufzunehmenn. Und so entwickelte sich vermutlich nach und nach eine archetypische Halblanghaarrasse, die sich von Zentralasien bis nach Südsibirien, über Kasachstan und die Ukraine bis zur Wolga und von dort in den Westen Russlands bis an die Newa ausbreitete. Dabei konnte sie selbst unter schwierigen klimatischen Bedingungen Fuß fassen und überleben. Als robuste Naturrasse, über Jahrhunderte unbeeinflusst von menschlichen Eingriffen.

Der katzenverrückte Bürgermeister
Irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts, so geht die Legende, beherbergte der Bürgermeister der sibirischen Stadt Irkutsk 17 Katzen. Wie schnell man als Katzenliebhaber 17 Katzen im Haus haben kann, muss ich hier nicht erzählen ;-) Jedenfalls gab dieser katzenverückte sibirische Bürgermeister immer wieder Kitten ab an Freunde und Verwandte. Es kann gut sein, dass er so zum allerersten Sibirerzüchter in Russland avancierte.
Die ersten Erwähnungen Sibirischer Katzen in westlichen Medien finden sich dann etwa zur selben Zeit in der Dresdner Illustrierten Zeitung von April 1895, wo von einem Pärchen blau-grauer Sibirischer Hauskatzen die Rede war, die im Zoo von Dresden lebten. Und in Brehms Tierleben von 1925 sind die rote Tobolska-Katze und die Kaukasisch-Kumanische Katze erwähnt. Beides vermutlich Entsprechungen der Sibirischen Katze.

Erst 1987 fiel der Startschuss
Tatsächlich liegt der offizielle und dokumentierte Beginn der Sibirerzucht erst in jüngster Zeit. In den 60er Jahren wurden zwar in Russland bereits sporadische Zuchtversuche unternommen. Aber erst und ausgerechnet in den wirtschaftlich schwierigen Jahren zwischen 1980 und 1990 begannen russische Enthusiasten, die Sibirische Katze gezielt zu züchten. 1987 fand die erste Katzenausstellung in der damaligen UdSSR statt, im Moskauer Sportkomplex Bitza. Dies war gewissermaßen die Geburtsstunde der russischen Felinologie. Die Sibirerzucht ist also in gewisser Weise ein Kind von Glasnost und Perestroika...
Westlichen Katzenexperten, die die ersten Katzenausstellungen in Russland besuchten, fielen die örtlichen Katzen mit dem halblangen Fell schon bei den ersten Besuchen auf. 1987 gelangte so das erste Sibirerpärchen durch die deutschen Katzenexperten Ute Sigrid Gremel und Hans Joachim Schultz nach Deutschland, die in Rostock mit Unterstützung russischer Katzenkundler den ersten Rassestandard formulierten. Junge „Sibirer" waren allerdings bereits einige Jahre zuvor nach Westen gelangt: In der ehemaligen DDR sind die ersten um 1983 aufgetaucht, mitgebracht von deutschen Arbeitern an der russischen Erdgas-Trasse. Innerhalb weniger Jahre brach dann ein regelrechter Boom der sibirischen Katzen außerhalb Russlands aus. Das vermutlich unerwartete stürmische Interesse aus dem Westen inspirierte die russischen Fachleute, die Sibirer zum nationalen Katzenideal zu machen und zu züchten. Oft waren dabei sogenannte Foundation-Tiere die Basis der Zucht – also in Russland frei lebende Sibirische Katzen ohne Stammbaum, aber dem definierten Typ entsprechend.

Der Stolz Russlands
Heute ist die Sibirische Katze der ganze Stolz der russischen Katzenkundler. St. Petersburg gilt als die Hauptstadt der Sibirerzucht. Die sibirische Rasse wurde 1987 vom einheimischen Verband (Kotofei Cat Club, St. Petersburg und The Fauna Club, Moskau) offiziell registriert. Gleichzeitig wurde eine neue Farbvariante eingetragen – die sibirische Colorpoint. Diese Art erhielt ihren Namen nach der Newa, an deren Mündung Sankt Petersburg liegt: „Newa-Maskerade". 1992 wurde der 1987 definierte Standard noch einmal überarbeitet und 1997 schließlich wurde die Rasse von der WCF, der World Cat Federation, offiziell anerkannt. Die Fédération Féline (FIFe) folgte dem 1998, tut sich aber im Gegensatz zu allen anderen Verbänden (ACFA, CFA, TICA, GCCF, WCF) bis heute schwer mit der Anerkennung der Neva Masquarade als zulässige Farbvariante der Sibirer. Nach einer kürzlich erfolgten Eingabe polnischer Sibirer-Züchter wird die FiFE im Mai 2008 möglicherweise einen Beschluss fassen. Falls es nicht zu einer Vertagung kommt.

Die Sibirer sind also beides zugleich: eine sehr alte und eine sehr junge Katzenrasse. Und wie die nordamerikanische Maine Coon, die Norwegische Waldkatze oder der Türkische Van eine der wenigen sogenannten Naturrassen – Katzenrassen also, die ohne Dazutun des Menschen entstanden sind.

Sibirische Zahlenspiele
Vielleicht noch ein paar Zahlen zur Dokumentation, wie „jung“ diese alte Katzenrasse im Westen ist - die ersten Sibirer kamen...
1987 nach Tschechien
1990 in die USA
1992 nach Finnland
1997 nach Schweden
2000 nach Südafrika
2001 nach Australien
2002 nach Großbritannien

Und auf der Website der Cattery vom Ohlenberg sind aktuell weltweit rund 700 Links zu Sibirer-Züchtern eingetragen. Davon rund 110 aus Deutschland. Gemessen an den Züchtern anderer Katzenrassen ist das immer noch sehr wenig. Allerdings lässt sich in jüngster Zeit beobachten, dass die Sibirerzucht zunehmend Neueinsteiger anlockt. Womit die Verpflichtung der etablierten Züchter steigt, noch genauer darauf zu achten, dass nicht irgendwann eine Mode beginnt, den robusten, naturhaften Typus dieser wunderbaren Katzenrasse kurzfristigen "Marktinteressen" zu opfern.

Wesen und Pflege der Sibirer

Eine umfangreiche menschliche Hilfe bei der Fellpflege – wie man sie z. B. bei den Persern kennt – hat die Sibirische Katze als Naturrasse nicht nötig. Allenfalls im Frühjahr, wenn die Sibis ihre Garderobe wechseln vom Winterfell zum Sommerfell, kann man mit der Bürste ein wenig nachhelfen.
Und wie ist sie nun, die Sibirische Katze? Nun, das Wesen der Sibirischen Katze hat viele Facetten und birgt immer wieder Überraschungen. Sie ist überaus sozial und verträglich. Sie ist sehr anhänglich, mitunter sogar aufdringlich und hat oft eine Neigung, sich einem einzelnen Menschen besonders anzuschließen. Sie ist sensibel, sehr temperamentvoll, verspielt und kann überaus charmant sein, wenn sie ihren Kopf durchsetzen will. Der Kontakt zu anderen Tieren fällt ihr leicht. Es gibt zahllose Beispiele von Sibis, die mit einem Hund zusammenleben. Dadurch, dass die Rasse noch relativ naturbelassen und „unverzüchtet“ ist, sind auch die Würfe und die Aufzucht der Kitten unproblematisch. Oft teilen sich die Mütter die Arbeit. Die eine säugt, die andere nutzt die Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten, etwas zu sich zu nehmen oder Fellpflege zu betreiben. Wie gesagt, diese ausgeprägte soziale Ader ist für Sibirer durchaus typisch und macht sie zu besonders angenehmen Hausgenossen.

Kletterkünstler und Rückenschläfer
Klettern ist die große Leidenschaft der Sibirer. Sibis ohne einen hohen und stabilen Kratzbaum in der Wohnung zu halten, ist ein Unding. Und wird mit drastischer „Umdekorierung“ der Wohnung bestraft. Wenn die Sibirier ihren ausgeprägten Kletter- und Spieltrieb ausgelebt haben, wird gern eine Runde Schlafen eingelegt. Und sehr oft werden Sie dabei beobachten, dass Ihr Sibirer sich dazu auf den Rücken dreht und mit den Pfoten nach oben schläft.
Da die Sibirer in ihrem Ursprungsland lange, harte Winter mit entsprechend langen Aufenthalten im Haus gewöhnt sind, ist es übrigens kein Problem, sie auch hierzulande ausschließlich in der Wohnung zu halten – Klettermöglichkeiten vorausgesetzt. Falls ihr zudem die Möglichkeit gegeben wird, beispielsweise in einem gesicherten Garten herumzustromern, dann um so besser – es wird kein Baum vor ihr sicher sein...

Aussehen und Standard der Sibirer

Der von der World Cat Federation e.V. (WCF) festgelegte Standard beschreibt Körperbau, Kopf, Ohren, Augen, Fell und Farbvarianten der Sibirischen Katze und ihrer Pointvariante, der Neva Masquarade und ist die Gewähr dafür, dass die Ursprünglichkeit dieser faszinierenden Katzenrasse erhalten bleibt.

Körper: Die mittelgroße bis große Katze ist muskulös und schwer. Der Hals ist kurz und kräftig. Die Beine sind ebenfalls muskulös und mittellang. Die Pfoten sind groß, kompakt und rund mit Haarbüscheln zwischen den Zehen. Der Schwanz reicht bis zum Schulterblatt, läuft leicht spitz zu und ist buschig behaart.

Kopf: Der Kopf ist kurz und breit mit tief gesetzten breiten Wangenknochen, gerundeter Schnauze und leicht abgerundetem Kinn. Die Stirn ist leicht gewölbt. Die Konturen sind sanft gerundet, das Profil ist leicht geschwungen. Die Nase ist gleich breit vom Ansatz bis zum Nasenspiegel.

Ohren: Die Ohren sind mittelgroß, breit am Ansatz mit leicht gerundeter Spitze. Sie sind weit gesetzt und leicht nach vorne geneigt.

Augen: Die Augen sind groß, leicht oval und an der Unterseite gerundet, leicht schräg gestellt und weit auseinanderstehend. Die Augenfarbe soll einheitlich sein und harmonisch zur Fellfarbe passen. Alle Schattierungen von gelb/gold bis grün sind erlaubt. Bei Van-Zeichnung und weißer Fellfarbe auch blau oder odd eyed. Bei Point-Zeichnung grundsätzlich blau, je dunkler, desto besser.

Fell: Das Fell ist mittellang. Die sehr dichte Unterwolle ist weich und fein, unter gröberem festem Deckhaar. Das dichte, locker fallende Deckhaar ist wasser-abstoßend, von fester, griffiger Struktur und glänzend. Es bedeckt Rücken, Flanken und Schwanzoberseite vollständig. Die Körperunterseite und die Rückseite der Hinterbeine besitzen nur Unterwolle. An Hals, Brust, Hosen und Schwanz ist das Fell besonders lang.

Jedes Jahr im Herbst bauen die Katzen das für diese Rasse so typische Winterfell auf. Dicht, fest und wasserabweisend lässt es die ohnehin kräftigen, muskulösen Sibirier noch mächtiger erscheinen als sie eigentlich sind. Die Fellqualität ist in ihrem Herkunftsgebiet überlebenswichtig und daher auch ein wichtiges Zuchtkriterium. Zum Frühjahr hin wird das Winterfell abgeworfen. Wer schon mal in Russland war, weiß, warum: die Sommer zwischen Newa und Amur können so heiß sein wie die Winter kalt! Ein dicker Pelz wäre da nur hinderlich. Als Naturrasse sind die Sibirische Katzen also bestens an das Klima in ihrer russischen Heimat angepasst – sommers wie winters. Das ist übrigens auch einer der Gründe dafür, warum man beim Besuch einer Katzenausstellung in den Sommermonaten so gut wie nie Sibirer antreffen wird: Die Damen und Herren Katzen und Kater machen im leichten Sommerfell nämlich einfach nicht so viel her wie im üppigen Winterornat!

Es ist sicher eine der wichtigsten Aufgaben eines verantwortungsbewussten Züchters, diese besonderen Eigenschaften der Naturrasse Sibirer bei seinen Tieren zu erhalten und zu fördern, damit der einzigartige Charakter der Rasse auch außerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes bewahrt bleibt. Wenn wir an die teils extremen Wetterlagen denken, die wir hierzulande im Zuge des Klimawandels erleben, dann dürfte die Sibirische Katze darauf genetisch bereits bestens vorbereitet sein...

Was uns persönlich besonders fasziniert, ist neben der natürlichen Wetterfestigkeit, dem wunderschönen Winterfell, das sie selbst pflegt, sodass einmaliges Bürsten pro Woche genügt, vor allem der ausgeprägte und sehr eigenständige Charakter der Sibirer. Sehr natürlich, sehr selbstbewusst, sehr sozial, von ungemein fröhlichem Wesen und ebensolchem Temperament ist sie ausgesprochen anhänglich, plaudert gerne und ausgiebig, versteht sich mit Hund, Kindern und Staubsaugern und verfügt über den beschriebenen ausgeprägten Kletterdrang, der zugegebenermaßen hohe Ansprüche an die häusliche Möblierung und insbesondere die Qualität vorhandener Kratzbäume stellt. Ist dies gegeben und Zeit vorhanden, ihren mitunter vehementen Kuschelanfällen gebührend nachzukommen, kann man sich keinen angenehmeren Hausgenossen vorstellen.

Genau deswegen haben wir uns entschlossen, zu einer verantwortungsvollen Zucht dieser wunderbare Katzenrasse beizutragen.

(Obiger Vortrag wurde im Rahmen der Rasse-Präsentation der Sibirischen Katzen bei der Jubiläumsausstellung 30 Jahre KFG e.V. in Alzenau-Michelbach gehalten. Quellen für die Inhalte dieses Beitrages: "Exil in Sibirien", Essay von Alexander Kolesnikov, Moskau; Moskvasibcat: THE SIBERIAN CAT; Siberiancatworld, World Cat Federation WCF sowie diverse andere, online zugängliche Quellen; ©2008 Roland Mueller/Cattery vom Bambuswald)

Sibirer vom BambuswaldSibi-Webcam